Ärztemangel wird bedrohlich (LZ vom 06.11.10)
2030 fehlen eine Million Gesundheitsfachkräfte (TAGESTHEMA VON BERNHARD HÄNEL)
Bielefeld. Deutschlands Gesundheitssystem steht vor dem Kollaps. Stand in den vergangenen Jahren stets die Kostenfrage im Mittelpunkt, rückt jetzt der Fachkräftemangel in den Fokus. Nach einer gerade vorgelegten Studie fehlen in 20 Jahren fast eine Million Fachkräfte. Dabei ist der Bedarf in der Altenpflege noch nicht einmal berücksichtigt. Diese Zahl geht aus einer Studie der Wirtschaftsprüfungs- und -beratungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers AG (PwC) und des Darmstädter Wirtschaftsforschungsinstituts WifOR hervor, einer Ausgründung des Lehrstuhls von Bert Rürup an der TU Darmstadt. Danach werden bereits 2020 nach Vollzeitstellen berechnet fast 56.000 Ärzte sowie 140.000 Pflege- und andere nicht-ärztliche Fachkräfte fehlen. Bis zum Jahr 2030 droht die Personallücke in der Gesundheitsversorgung sogar auf über 950.000 Fachkräfte, davon 165.000 Ärzte, anzuwachsen. Verantwortlich für den Fachkräftemangel sei in erster Linie der demografische Wandel.
Die Alterung der Gesellschaft lasse die Nachfrage nach Gesundheitsdienstleistungen steigen. Gleichzeitig gingen in den kommenden Jahren immer mehr Fachkräfte in den Ruhestand, ohne dass ausreichend Nachwuchs zur Verfügung stehe. Nach diesen Berechnungen ist der Fachkräftemangel bei weitem größer als in einer unlängst von der Bundesärztekammer vorgelegten Expertise dargelegt. „Tun wir nichts, werden sich die Wartezeiten beim Hausarzt bis 2030 verdoppeln. In den Krankenhäusern werden die Schwestern dann durchschnittlich 60 Stunden in der Woche arbeiten müssen, wenn die Versorgungsqualität nicht absinken soll", erläutert Harald Schmidt, Gesundheitsexperte bei PwC. Der für 2030 vorausberechnete Personalmangel würde nicht nur zu einer katastrophalen Versorgungssituation der Patienten und dramatischen Überlastung der verbliebenen Fachkräfte führen, sondern auch erhebliche volkswirtschaftliche Kosten verursachen. Den Berechnungen zufolge ginge der Gesamtwirtschaft aufgrund des Fachkräftemangels eine Wertschöpfung in Höhe von 35 Milliarden Euro verloren. Die Studie liefert zusätzliche Argumente für die Gründung einer medizinischen Fakultät an der Universität Bielefeld. In den kommenden Jahren scheiden bei den Ärzten starke Jahrgänge altersbedingt aus, quasi die Bugwelle der in den vergangenen Jahrzehnten problematisierten Ärzteschwemme. Das führt zu einem überdurchschnittlichen Ersatzbedarf an Ärzten. Bezieht man die zunehmende Alterung der Gesellschaft ein, zeichnet sich eine eklatante Versorgungslücke ab. Mangel wird es besonders in den ländlichen Räumen geben, in denen bereits heute Ärztemangel herrscht. Akuter Handlungsbedarf besteht, denn durch die ausbildungsbedingt langen Vorlaufzeiten im Gesundheitswesen, bei Ärzten bis zu 15 Jahren, müsste bereits heute mit dem Lückenschluss begonnen werden. Die Erkenntnis ist allerdings noch nicht in einen strukturierten Entscheidungsprozess gemündet. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung negiert den Bedarf zusätzlicher Ausbildungskapazitäten (wir berichteten). Und „eher anekdotisch" seien die Vorschläge aus dem Gesundheitsressort, heißt es in der Ärzte-Zeitung.